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29 Kinder und ein schrecklicher Verdacht

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29 Kinder und ein schrecklicher Verdacht

Elisabeth Stenmans betreut als Adoptivmutter Kinder aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Jetzt droht das Jugendamt, ihre Familie auseinander zu reißen.

Von Michael Mielke

Euskirchen - Der sechsjährige Phillip-Constantin rennt lachend über den Spielplatz . Seine äthiopische Mutter hatte versucht, ihn als Baby zu ersticken. Die 13-jährige Dorothea stiefelt aufgeregt hinterher. Sie ist nur 75 Zentimeter groß. Vermutlich wäre das zwergwüchsige Kind in Addis Abebah verhungert, weil ihre krebskranke Mutter sich nicht mehr kümmern konnte. Beide haben bei Elisabeth Stenmans ein neues Zuhause gefunden.

Doch gegen die deutsche Adoptivmutter stehen schwere Vorwürfe im Raum. Sie soll ihre Kinder geprügelt, gequält und gedemütigt haben. Das Euskirchener Jugendamt ist eingeschaltet. Seit zweieinhalb Jahren läuft ein Verfahren vor dem Familiengericht. Die Großfamilie droht auseinander gerissen zu werden.

Phillip-Constantin und Dorothea sind zwei von 29 Kinder und Jugendlichen aus Äthiopien, Brasilien, Sri Lanka, Rumänien und Deutschland, die bei Elisabeth und Mike Stenmans leben und Stenmans heißen. Nicht alle wurden adoptiert, einige Verfahren laufen noch.

Wer die Familie besucht, wird schwerlich notieren können, dass Kinder schlecht behandelt werden. Er wird beobachten können, wie sich größere Geschwister liebvoll um kleinere kümmern und Nichtbehinderte um Behinderte. Und er wird in diesem Getümmel Elisabeth Stenmans wie einen Fels erleben - für alle "die Mama", die für jedes Problem schnell eine Lösung parat haben muss oder einfach nur belagert wird, um sich einen Kuss oder eine Streicheleinheit abzuholen.

Die 56-Jährige kommt aus einer rheinischen Fabrikantenfamilie. Als Kind hat sie mit den Eltern große Reisen und Touren mit Kreuzfahrtschiffen unternommen. Auch nach Afrika. "Ich konnte es nicht ertragen", sagt Elisabeth Stenmans, "abends beim Kapitänsdinner in sechs Gängen ausgewählte Speisen vorgesetzt zu bekommen, während ein paar Kilometer weiter die Kinder hungerten". Bei anderen ist diese Rebellenhaltung meist schnell vorbei. Bei Elisabeth Stenmans hielt es, getrieben auch von einer tiefen Religiosität, bis heute an. Das begann mit ihrem Taschengeld, das sie statt für modische Kleidung für Spenden ausgab.

Kein Geld vom Staat

Das setzte sich fort mit Reisen in die ärmsten Gebiete der Erde, um dort, wie sie sagt, "möglichst direkt helfen zu können": Mit Medikamenten, dem Besorgen von Wohnraum oder auch Arbeitsgeräten wie Nähmaschinen für Frauen, die damit einen Schritt weg von Prostitution hin zur Selbstständigkeit wagen konnten. Geldzuschüsse bekam sie damals schon aus dem Vermögen der Eltern, die ihre Tochter zwar nicht immer verstanden, sie aber fast immer unterstützen. Und auch ihre Qualifikationen und Studienabschlüsse hatte Elisabeth Stenmans auf diese Hilfe für andere ausgerichtet: Sie hat 20 Jahre als Lehrerin und Katechetin gearbeitet, besitzt eine Zulassung als Heilpraktikerin und heilpraktische Psychotherapeutin, hat ein Diplom als Erziehungswissenschaftlerin und eine Approbation als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Eine Frau, die Dank ihres nicht unbeträchtlichen Erbes im materiellen Wohlstand leben könnte, sich selber nur 100 Euro Taschengeld im Monat gönnt und für ihre Adoptivkinder vom Staat keine Unterstützung oder Pflegegeld erhält.

Elisabeth Stenmans - seit 1994 verheiratet mit dem Sozialpädagogen Mike Stenmans - hat zwei eigene, längst erwachsene Kinder. Beide arbeiten in Sozialberufen. "Aber ich wollte", sagt sie, "eigentlich immer sieben haben". Es sind mehr geworden. Im Laufe der Jahre wuchsen mehr 40 Kinder in ihrer Familie auf. Einige sind schon außer Haus, haben Abitur gemacht, wollen studieren.

Die meisten leben in dem Gebäudekomplex in Euskirchen, der nach einigen Neubauten mittlerweile fünfzig Räume bietet - und immer auch offene Türen für Not leidende Gäste hat. So auch für fünf Frauen aus Äthiopien, die seit 1999 in verschiedenen Zeitabständen nach Euskirchen kamen. Junge Frauen, die in Addis Abeba auf der Straße gelebt hatten und sich prostituierten, vergewaltigt worden waren, gequält, geprügelt, vertrieben. "Es war nicht immer leicht mit ihnen", sagt Elisabeth Stenmans. "Aber ich hätte es nicht fertig gebracht, sie wegzuschicken." Ihr und Mike Stenmans sei aber auch sehr schnell klar geworden, dass der Aufenthaltsstatus der Frauen "nicht ganz korrekt gewesen" sei.

Und auf einmal kam die Polizei

Anfang 2004 - keiner weiß, was letztlich der Auslöser war - gab es unvermittelt eine Hausdurchsuchung. Die Beamten nahmen die Daten der fünf Frauen aus Addis Abeba auf. Sechs Wochen später wurden sie abgeholt. Ihnen drohte die Abschiebung. Die Stenmans beauftragten und bezahlten Anwälte. Was dann folgte, ist Elisabeth Stenmans bis heute unbegreiflich: Die fünf Frauen wurden nicht abgeschoben, erhoben aber plötzlich - vielleicht, um alsZeuginnen bleiben zu dürfen - wüste Anschuldigungen gegen ihre einstige Gastfamilie: Die Kinder bekämen nicht genug zu essen, hieß es, würden manchmal gar geschlagen oder unterdrückt. Mitarbeiter des Jugendamtes Euskirchen wurden eingeschaltet, einige der Kinder befragt. Die Älteren hatten kein Verständnis für diese Vorwürfe gegen die Stenmans. Kleinere indes - einige sind geistig zurückgeblieben, andere kaum der deutschen Sprache mächtig - schienen diese Anschuldigungen nach offenbar sehr intensiven Befragungen zu bestätigen. Worauf eine Familienrichterin den Stenmans wegen "deutlicher Hinweise auf Kindeswohlgefährdung" das Erziehungs- und Aufenthaltsbestimmungsrecht entzog. Zwar dürfen die Kinder noch bleiben, sie stehen jetzt aber teilweise unter Amtsvormundschaft.

Rudi Dick, Leiter des Euskirchener Jugendamtes, erklärt dazu, dass die Familie wegen der vielen Kinder "schon rund 20 Jahre im Fokus" seiner Mitarbeiter stehe. Wegen der ungewöhnlich vielen Kinder; aber auch wegen der nicht immer nachvollziehbaren Wege, wie sie von den Stenmans nach Euskirchengebracht worden seien. So hatte Mike Stenmans - was nicht verboten ist - für eine Reihe der Kinder einfach die Vaterschaft anerkannt. "Das Phänomen dieses Falles ist", sagt Dick, "dass sich im Laufe der Jahre zwei Lager gebildet haben - eines für die Familie Stenmans und eines gegen sie." Aufgabe des Jugendamtes sei es auf jeden Fall, die Interessen der Kinder zu vertreten. Und wenn es Anzeigen und Zeugenaussagen gegen diese Familie gebe, so Dick, müsse dem auch nachgegangen werden. Entscheiden müsse am Ende ohnehin das Familiengericht.

Keinerlei Beweise für Misshandlungen

Bis zum heutigen Tag ließen sich keinerlei objektiven Beweise finden, dass von den Stenmans Kinder misshandelt oder unterdrückt wurden. Dafür gibt eine Reihe von Zeugen, die die Großfamilie sehr gut kennen und das Gegenteil betonen. Unter ihnen ein pensionierter Mitarbeiter des Jugendamtes, der die Stenmans vom Amts wegen jahrelang begleitete. Auch Beatrix Dolfen zählt dazu, eine Kinderärztin, die seit zehn Jahren die Großfamilie intensiv betreut und fast jede Woche mindest einmal aufsucht. "In all diesen Jahren", sagt sie, "habe ich bei meinen Besuchen keinerlei Hinweise auf physische oder psychische Gewaltanwendung feststellen können." Im Gegenteil: Die Kinder würden geradezu beispielhaft gefördert. Ähnlich positiv ist die Reaktion des Pfarrers Norbert Prümm, bei dem die Großfamilie jeden Sonntag zum Gottesdienst erscheint; einige Kinder helfen als Messdiener; andere beteiligen sich an Gruppenarbeit. "Diese Vorwürfe gegen die Stenmans", sagt der Pfarrer "das ist einfach nur absurd."

Es ließen sich noch über 50 Personen aus dem unmittelbaren Umfeld der Familie aufzählen, die Gutes zu berichten wissen und das per eidesstattlicher Versicherung für das Familiengericht bekundet haben. Eindeutig in ihrer Aussage sind zudem psychologische Gutachten, die im Auftrag des Familiengerichts über die angeblich schlecht behandelten Kinder von vier verschiedenen Experten angefertigt wurden: Keines der befragten Kinder erweckte auch nur den Eindruck, dass es physisch oder psychisch gequält worden sei, heißt es dort übereinstimmend. Gleichzeit wird die Inkompetenz von Mitarbeitern des Jugendamtes und der Familienrichterin kritisiert, die nach Meinung der Psychologen die Kinder unsachgemäß und suggestiv befragt hätten.

Geholfen indes haben den Stenmans diese Gutachten nicht. Stattdessen wurde ihnen Ende September mitgeteilt, dass nun auch ihre vier deutschen Pflegekinder unter Amtsvormundschaft gestellt werden sollen. Geschwister, die das Jugendamt Pulheim 1997 den Stenmans anvertraute, nachdem die alkoholkranke Mutter an Leberzirrhose verstorben war. Gerd Lehmkuhl, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln, hat diese Kinder, deren Entwicklung er seit Jahren verfolgt, vor wenigen Tagen erneut untersucht. Er bescheinigt ihnen eine durch die intensive Förderung der Eltern forcierte positive Entwicklung. Auch hält er Elisabeth Stenmans für eine geeignete, kompetente Adoptivmutter.

Vor zwei Tagen wurden Elisabeth und Mike Stenmans wegen der Beherbergung der fünf äthiopischen Frauen vom Amtsgericht Euskirchen zu einer Geldstrafe von 6500 Euro verurteilt. Das Urteil des Euskirchener Familiengerichts steht noch aus. Eine mündliche Verhandlung wird es nicht mehr geben. Über den Herausgabeantrag des Jugendamtes soll im schriftlichen Verfahren entschieden werden, heißt es nüchtern in einem Schreiben.

Und alles scheint möglich.

Artikel erschienen am 19.10.2006

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2006 Oct 19